
Frage: Frau Baumann, was ist Ihnen wichtig in Ihrer Arbeit?
Baumann: Wir möchten den Eltern vor allem den Druck nehmen, Co-Therapeuten zu sein. Die Eltern sind in erster Linie Eltern. Sie sollten sich mit dem Kind beschäftigen, aber vor allem Eltern sein dürfen. Am besten ist es, wenn man die Inhalte der Förderung natürlich in den Alltag mit einbezieht, ohne ständig den Druck zu haben, "Ich muss jetzt üben".
Am besten fördert man sein Kind beim gemeinsamen Tun im Haushalt oder im Garten. Dabei kann ein Kind sehr viel lernen, ganz ohne gezielte Einzel-Übungen. Denn im täglichen Leben sind alle Wahrnehmungs-Bereiche angesprochen. Dabei lerne ich die Welt BEGREIFEN, weil ich sie anfasse, also begreife. Das gemeinsame Erleben von Eltern und Kind ist auch wichtig für die sprachliche Entwicklung, denn die Eltern begleiten ihr Tun sprachlich, ganz natürlich und nicht so gestellt wie in einer Therapiesituation.
Frage: Wozu dient dann die heilpädagogische Einzelförderung?
Baumann: Um dem Kind eine Anregung zum nächsten Entwicklungsschritt zu geben. Ihm neue Reize zu geben oder seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu richten. Denn ich lerne erst dann etwas, wenn ich es bewusst wahr nehme.
Frage: Manche Kinder brauchen dafür viel länger als andere. Wie gehen Sie damit um? Versuchen Sie die Entwicklung voranzutreiben?
Baumann: Es ist ganz wichtig, dem Kind seine Zeit zu lassen. Gerade bei Kindern mit Down-Syndrom sind die Eltern oft viel zu schnell. Sie sprechen mit dem Kind, das Kind reagiert nicht, dann sagen sie noch mehr, das Kind reagiert immer noch nicht. Sie sollten besser nur eine Sache sagen und dann erst mal die Reaktion des Kindes abwarten.
Die Eltern greifen auch oft zu schnell in das Spiel ihres Kindes ein. Damit es zu einem Ergebnis führt. Das Kind hat gar keine Chance, selber etwas zu machen. Doch die Kinder müssen oft sehr lange und immer wieder mit einer Sache spielen, damit sich das Wissen festigt. Nur weil ein Kind einmal zufällig einen Turm gebaut hat, kann es das noch nicht dauerhaft. Eltern sagen oft vorschnell, "das kann mein Kind". Aber wenn das Kind die Becher stapeln soll, kann es sie nicht nach der Größe sortieren. Kinder können sich oft monatelang mit "Baubechern" beschäftigen, sie aufeinander stapeln, ineinander, nach Größen sortieren, die Farben benennen.
Frage: Sie bieten auch Physiotherapie an. Welche Rolle spielen die Bewegungsmöglichkeiten eines Kindes für die frühkindliche Entwicklung?
Baumann: Die Bewegungsentwicklung eines Kindes ist die Grundbasis für seine sprachliche und geistige Entwicklung. Denn über die Bewegung lernt ein Kind ganz viel. Durch die vielen Sinnesreize beim Berühren der Welt mit den Händen, beim Robben und Krabbeln, beim Laufen mit nackten Füßen über eine Wiese etc. bilden sich wichtige neue Nervenverbindungen im Gehirn. Ein Kind muss die Welt beGREIFEN, um sie zu begreifen.
Frage: Was ist Ihnen in der Physiotherapie besonders wichtig?
Baumann: Es geht uns nicht in erster Linie um das altersgerechte Erreichen der großen Meilensteine der motorischen Bewegungsentwicklung wie das Drehen, Robben, Krabbeln und das Laufen, sondern vor allem um die Qualität der Bewegung.
Nur weil ein Kind mit Down-Syndrom zum Beispiel laufen gelernt hat, heißt es noch lange nicht, dass es keine Physiotherapie mehr braucht. Kann es denn schon hüpfen, klettern, etwas in einer Hand tragen, sich bücken, balancieren? All das ist wichtig für die Koordination und muss gerade bei Kindern mit sehr geringer Muskelspannung lange intensiv geübt werden.
Aber nicht immer ist es nur die Physiotherapie, die ein Kind weiter bringt. Manchmal macht das Kind einen größeren Sprung in der Bewegungsentwicklung, wenn es zwei Wochen mit den Eltern an der Ostsee ist und mit den nackten Füßchen im Sand läuft als durch monatelange intensive Physiotherapie. Das ist das Beste, was einem Kind, das gerade laufen gelernt hat, passieren kann. Ab und zu eine Therapiepause kann also genauso wichtig sein.
Frage: Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit anderen Therapeuten aus? Sie nennen sich ja interdisziplinär.
Baumann: Im günstigsten Fall arbeiten Therapeuten, Ärzte, Eltern und Frühförderer zusammen und setzen sich regelmäßig zusammen, um gemeinsam den Entwicklungsstand des Kindes festzustellen und zu überlegen, was der nächste Entwicklungsschritt sein kann.
Dabei ist es wichtig, Schwerpunkte zu setzen und nicht alle Bereiche gleichzeitig zu bearbeiten. Erst widmet man sich der groben Bewegungsentwicklung, das ist die Basis. Dann kann man an der Qualität der Bewegung arbeiten. Dann kommt eine Phase, da achtet man vor allem auf die Sprache und dann konzentriert man sich auf einzelne Wahrnehmungsbereiche und macht nur noch Ergotherapie. Ein Kind entwickelt sich nie gleich intensiv in allen Bereichen. Ein Kind, das gerade anfängt zu laufen, lernt im sprachlichen Bereich weniger dazu.
Viele Kinder sind über-therapiert. Die haben so viel Programm wie kaum ein Erwachsener. Das hat keinen Sinn. Da ist weniger manchmal mehr. Ein Kind hat mehr davon, gemeinsam mit seinen Eltern in den Wald zu gehen und da über einen Baumstamm zu klettern, als in der x-ten künstlichen Therapiesitzung über Kisten zu klettern. Das Wichtigste und Förderlichste für die Kinder ist es immer, gemeinsam mit der der Familie etwas zu unternehmen.
Frage: Wie wichtig ist die Arbeit mit den Eltern?
Baumann: Ganz wichtig. Bei manchen Familien arbeiten wir fast ausschließlich mit den Eltern.
Ich hatte mal einen kleinen Jungen in der Frühförderung, der war ganz unselbständig, er bückte sich nicht, hob nichts alleine auf, brüllte, als er seine Schuhe alleine ausziehen sollte. Warum? Seine Mutter nahm ihm alles ab. Sie bediente ihr Kind die ganze Zeit und bremste ihn so in seiner eigenen Entwicklung.
In der Frühförderung hat der Junge zum ersten Mal Grenzen bekommen. Er lernte, was er machen durfte und was nicht. Zum ersten Mal machte er die Erfahrung, dass er auch mal verlieren musste, bei Spielen. Dass das dazu gehört und wie er damit umgehen kann. In der Sitzung saß die Mutter manchmal auf Ihren Händen und musste sich mit aller Kraft daran hindern, einzugreifen. Da mussten wir ganz viel am Verhalten der Mutter arbeiten. Ihr zeigen, ihrem Sohn auch mal etwas zuzutrauen bzw. zuzumuten - damit er die Chance zur Entwicklung bekam. Nicht immer hat man damit jedoch Erfolg.
Viele Kinder sitzen zu Hause stundenlang vor dem Fernseher. Schon am Frühstückstisch. Und die Eltern denken, dass sie dadurch sprechen lernen. Manchmal ist die Arbeit mit den Eltern sehr schwer.
